Chorlager - oder die Wiederentdeckung der Relativitätstheorie

"Vollbepackt mit tollen Sachen, die das Leben schöner machen, hinein ins..." Mit dieser fröhlichen Einstellung schleppte man sich am Sonntag Nachmittag vor die Pforten unseres Gymnasiums, soweit man sich zu den Chorleuten zählen konnte. Wieder einmal stand das Chorlager in Sebnitz vor der Tür, und all jene, die dort im letzten Winter schon ihre Stimmbänder trainiert hatten, verfielen sogleich den alten Erinnerungen. Die Neulinge warteten gespannt auf das Kommende oder ließen sich wilde Geschichten von der letzten Reise erzählen. Die Fahrt verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle und guter Laune wurden zunächst die Zimmer in unserem Gebäude erobert – Jungs und Mädchen natürlich strikt getrennt! Dabei hatten einige vertrauenswerte Seelen sogar einen vollständigen Gang ohne zuständige Aufsichtsperson ergattern können. Aber um ehrlich zu sein, lag dieser glückliche Umstand weniger am Vertrauen als vielmehr an der Tatsache, daß die überwachungsgünstigen Zimmer bereits belegt waren. Alsdann folgte sogleich der Aufruf zur ersten Probe, die schon erste Resultate brachte, unter anderem auch viele knurrende Mägen. Also galt es beim Abendbrot, diese zu füllen. Die Begeisterung für das Essen war recht unterschiedlich und hier mußte man sich wohl zum ersten Mal eingestehen, das einiges ziemlich relativ ist. Nichtsdestotrotz nahm das Buffet mit atemberaubender Geschwindigkeit ab und es war an der Zeit, sich eine Pause zu gönnen. Einige nutzten diese für ein erstes Nickerchen, andere, um schon mal das Dorf unsicher zu machen. Dies war nach weitergereichten Informationen mit Besuchen kleiner gemütlicher Cafés und mühsamen Besteigungen der schneebedeckten Hänge verbunden, bei dem sich einem der eine oder andere oder wieder andere Zaun dreist in den Weg stellte. Aber da man im Sportunterricht ja eiserne Disziplin und stählerne Muskeln antrainiert bekommen hatte, waren diese Hindernisse mit einem müden Lächeln schnell überwunden und so erkannte man, das Probleme doch nur relativ sind. Als man wieder eintrudelte oder gerade aufwachte, war nach der Hausordnung Ruhezeit, und dann wurde es Nacht...

Am nächsten Tag wurde ordentlich geprobt, man amüsierte sich, erste Spitznamen in Anlehnung an Kinderbücher von Enid Blyton entstanden. Zwischen Mittagessen und nächster Probe blieb Zeit, unsere tschechischen Nachbarn zu besuchen. Am, über Umwege erreichten, Grenzübergang traf man unerwarteter Weise nicht nur Mitschüler . Mit vor Kälte erröteten Wangen begab man sich abermals in die Proberäume und anschließend in den Essenraum. Die anstehende Disco wurde zumindest von den Tanzwütigen als Highlight gehandelt. Leider konnte sie nicht verlängert werden, da die Nachtruhe festgelegt war, aber Gott sei Dank brach deswegen keiner in Tränen aus. . Es war also alles nur relativ schlimm. Dann wurde es wieder Nacht....

Am Morgen wurde das nunmehr letzte Mal in unserer vorübergehenden Heimat gefrühstückt. Es schien, als kämen immer bestimmt Leute etwas später. Der Verdacht liegt auf einem mysteriösen Schnürsenkelproblem, dessen Lösung leider im Verborgenen blieb. Dann der schon gewohnte Ablauf von Probe, vor der allerdings die letzten Zeugnisse unserer Anwesenheit aus den Zimmern verbannt werden mußten. Es war Zeit, sich in die Kälte zu stellen und auf den zweiten Bus zu warten, um dann nach einer guten Stunde wieder das Licht der Heimat zu erblicken. Auf der Rückfahrt wurde ausgewertet und erkannt, daß der Mensch unter bestimmten Bedingungen nur relativ wenig Schlaf braucht, und, daß wir und auf das nächste Chorlager freuen. Und das ist nicht relativ.

Caillean